Die Mühle des Monats August 2022

steht in Neubukow

Die Wassermühle Neubukow – eine verschenkte Wasserkraft?

Die Mühlengeschichte Neubukows beginnt mit dem Bau einer Wassermühle im Zuge der Stadtgründung im 13. Jahrhundert.

Die heute noch vorhandene Wassermühle ist ein Industriebau aus der Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert mit kompletter Mühlentechnik, die noch funktionstüchtig wäre, zurzeit aber nicht in Betrieb ist. Die erforderliche Energie konnte bis 1975 nach mit Hilfe einer Turbine aus Wasserkraft gewonnen werden.

In der Wassermühle, dem ältesten Betrieb der Stadt, unterlagen die Einwohner bis ins 19. Jahrhundert hinein dem Mahlzwang, d. h. sie waren gezwungen, nur diese Mühle zu nutzen. Lediglich Korn, welches nach drei Tagen nicht abgemahlen war, durften sie auf andere Mühlen brin­gen.

Nachdem der Besitz der Mühle zunächst zwischen verschiedenen adligen Familien wechselte, war sie seit dem 15. Jahrhundert im Besitz des Landesherrn.

Ein „Inventarium" beschrieb die Mühle 1576 „mit zwei Glinden" als ein Gebäude von 12 Gebinden, mit Ziegeln gedeckt und baufällig. Sie hatte ausreichendes Wasser und "zimblich viel Muhlengeste". Erst am Ausgang des 18. Jahrhunderts häuften sich Klagen über Wassermangel. Zur Verbesserung der Wasserführung wurde ein Damm aufgeschüttet. Die Umleitung des Hellbaches erfolgte vermutlich schon früher. Die Klagen verstummten aber auch im 19. Jahrhundert nicht. Der Mühlteich war zugewachsen und lieferte weder bei Dürre im Sommer noch bei Frost im Winter ausreichend Wasser. Die Wasser­mühle bestand damals aus zwei Korngängen und einem Graupengang sowie der da­bei befindlichen Ölmühle. Seit 1827 gehörte noch eine Windmühle zur Pachtung.

Als die Mühle 1874 in Erbpacht überführt wurde, umfasste das Anwesen das Wohnhaus mit der Wassermühle, Wasch- und Backhaus, Pferde-, Kuh- und Schweinestall, Scheunen und die holländische Windmühle. Beim Verkauf 1901 wurden die Wassermühle und die Windmühle getrennt. Der neue Erbpächter der Wassermühle ersetzte das Wasserrad 1906 durch eine Francis-Turbine mit 65 PS, baute eine Anlage zur Stromerzeugung ein und versorgte ab dem 1.9.1906 bis 1937 Neubukow mit elektrischem Strom.

Beim endgültigen Verkauf in Privatbesitz ging "das Erbmühlengrundstück vor dem Mühlentor nebst Speicher mit Gren­zen, in welchen die Stadt dieses Grundstück 1910 ... erworben und seitdem … verpachtet hatte, mit allem Zubehör als Mühleneinrich­tung, Dampfkessel und elektrischer Zentrale, mit Mühlenteich nebst Rohrwerbung, dem Acker am Malpendorfer Weg, dem Wasserrecht, auch mit allen darauf ruhenden Lasten und Abgaben ..." auf den bisherigen Pächter über. Der neue Besitzer baute die histo­ri­sche Mühle vollkommen neuzeitlich aus. Im Jahre 1917 kam eine Lanzlokomobile, 1919 eine zweite Turbine und 1935 ein Dieselmotor mit 155 PS hinzu. Mit sechs doppelten Walzenstühlen und zwei Mahlgängen wurden schließlich jähr­lich 2300 t Roggen und 1000 t Weizen vermahlen. Große wirtschaftliche Bedeutung hatte das seit 1936 gebaute Getreidesilo mit 15 Zellen und einem Gesamtfassungsvermögen von 1142 Tonnen. Der unverputzte Ziegelbau steht der Mühle gegenüber.

1972 wurde die Wassermühle Teil des VEB Mühlenwerke Bad Kleinen und ging in Volkseigentum über. Schon 1960 gab es eine staatliche Beteiligung. Nach 1965 wurde in drei Schichten gearbeitet und jährlich 6600 Tonnen Getreide verarbeitet.

Die beiden Turbinen der Wassermühle wurden 1975 außer Betrieb genommen. Die Mühle arbeitete fortan mit Elektroenergie aus dem öffentlichen Netz. Einem Umbau und der Modernisierung der mühlentechnischen Ausstattung der Wassermühle 1989 folgte 1990 die Stilllegung der ehemaligen Wassermühle und ihre Rückübertragung an die Alteigentümer. Ein Projekt zur Energiegewinnung aus Wasserkraft sah 1992 die Regenerierung der beiden Turbinen der Wassermühle vor. Bei einem Gefälle von 4 m und einem mittleren Wasserverbrauch von 2 m3/s sollte eine Jah­resleistung von 320000 kWh erzielt werden. Am 1.11.1993 konnte die Wasserkraftanlage durch den damaligen Wirtschaftsminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern Conrad-Michael Lehment eingeweiht werden.

Versuche zur erneuten Produktionsaufnahme nach einer Verpachtung der Mühle scheiterten seitdem mehrfach. Schroten, Schälen, Mischen, Quetschen und Mahlen von Getreide sowie die Lagerung im Silo und im Mehlsilo wäre möglich.

Die 1993 eingeweihte Wasserkraftanlage blieb bis 2003 in Betrieb. Heute, seit dem Bau einer Fischaufstiegsanlage am Hellbach, geht das über den Fischaufstieg abfließende Wasser aber dem Mühlenbetrieb verloren. Die Aufstiegsanlage wurde mit dem Einverständnis des Grundstücks- und Mühlenbesitzers gebaut. Ein Kompromiss erlaubte 25 % des Abflusses durch die Mühle und 75 % über den Fischaufstieg. Ein Mühlenbetrieb sollte erst einsetzen dürfen, wenn der Wasserstand im Teich eine festgelegte Höhe übersteigt.

Die so verhinderte erneute Nutzung der Mühlentechnik, u.a. mit sieben Walzenstühlen und vier Plansichtern, führt seitdem zu rasant fortschreitenden Verfall. Der Teich verlandet. Von einem einst florierenden Mühlenbetrieb bleibt nur das große Backsteingebäude mit fehlenden Nutzungsmöglichkeiten, eine gemauerte Hülle.

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Wassermühle Neubukow, Innenansicht, 2008, Foto: Jürgen Kniesz
Wassermühle Neubukow, 2007, Foto: Ingo Arlt
Wassermühle Neubukow, 2021, Foto: Lothar Wilken

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