Die Schönberger Tracht

Mecklenburg. (Albert Kretschmer: Deutsche Volkstrachten, 2. Auflage, Leipzig ca 1887).
Hier allerdings zum längeren Rock der Schönberger Tracht eine Rehnaer Haube.

Die Schönberger Tracht, auch Ratzeburger oder Strelitzer Tracht genannt, wegen ihres Reichtums bekannt, wurde im überwiegenden Teil des früheren Fürstentums Ratzeburg von den Frauen bis ungefähr 1880 getragen.

G. M. K. Masch (1794-1878): „Der Bauer im Fürstenthum Ratzeburg“, veröffentlicht in: „Jahrbücher des Vereins für meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde“, Schwerin 1837:

Die sehr kleidsame Nationaltracht der Männer, an welcher jedoch die Mode in neuerer Zeit einige Veränderungen im Schnitte hervorgebracht hat, besteht aus einer Weste, welche bis an die Hüften reicht; früher war sie länger und von eigengemachtem wollenen Zeuge oder zum Putz von blauem rothgeblümten Camelot, jetzt von andern Westenzeugen; aus einer Jacke von eigengemachtem halbwollenen Zeuge (Beiderwand), fast immer braun gefärbt; mit einer Reihe Knöpfe; einer kurzen und engen schwarzen Hose aus Bratt, an den Knien mit ledernen

Senkeln gebunden (jetzt ziemlich von Pantalons – lange Hosen - verdrängt), aus weißen wollenen Strümpfen und Stiefeln, die bis über die Waden reichen, oder aus Schuhen mit Riemen, selten mit Schnallen. Um den Hals wird ein schwarzes oder buntes seidenes Tuch getragen, über dem die ausgenäheten Queder [Saumabschluss, Verschluss] ein wenig herüber liegen; das Haar ist jetzt überall kurz verschnitten; früher trug man es länger, gescheitelt, hinter die Ohren gestrichen und durch einen Kamm von Messing gehalten. Der Hut hat einen runden niedrigen Kopf und einen mäßig großen Rand. Zur bequemern Tracht im Hause gehört eine meistens grüne Sammtmütze, mit Pelz gefüttert und verbrämt, und hölzerne Pantoffeln. Das sonntägliche Feierkleid, welches sich aber erst der Verheirathete zulegte, war ein schwarzer Rock mit rothem Flanelle gefüttert, ohne Kragen, mit ziemlich weiten Ärmeln und großen Aufschlägen, mit Falten an der Seite und großen Taschenpatten. Er reichte bis an die Knie, war vorne gerade geschnitten und in seiner ganzen Länge mit Knopflöchern geziert, von denen nur die bis zur Hüfte offen waren; die Knöpfe waren übersponnen und groß. Der Rock hat aber jetzt eine gewöhnliche städtische Form erhalten, und man sieht den angegebenen nur noch bei alten Leute??, mit denen diese Form aufhören wird; die Pelzmützen sind meistens gegen Kappen von moderner Form vertauscht worden; auch wollen die altväterlichen Bauernhüte (Teulhoot) den modernisirenden Burschen nicht mehr gefallen, welche, wenigstens im Putz, nur Tuchjacken mit zwei Reihen Knöpfen tragen.

Ein früherer Putz bestand in silbernen Knöpfen, welche aus den kleinen dänischen Vierschillingsstücken (Kopfvieren) gemacht wurden, an die eine „Oehse“ angelöthet ward; diese Knöpfe sind ganz verschwunden, eben so wie auch ungefärbte Jacken bei den Bauern nicht mehr gefunden werden. Bei schlechtem Wetter wird ein schwargefärbter linnener Kittel von Oberrocksform getragen.

Die Mädchen tragen Hemdschürze und Oberhemde, über der Brust mit einer silbernen Spange, welche die Form eines Herzens hat, mit einer Krone darüber, zusammengehalten. Die Ärmel reichen bis an den Ellenbogen, in einigen Gegenden bis zum Handgelenk, erstere sind offen, letztere aber durch einen Queder geschlossen; dann ein Mieder (Bostlief), welches hinten ziemlich hoch geht, an der Brust aber mehr ausgeschnitten ist. Früher ward dazu der geblümte Camelot und gedruckte Leinewand verwendet, jetzt entweder Cattun, besonders rother, oder Wollensammet und dergleichen. Es ist aber breit eíngefaßt, wozu man zum Putze seidene, mit Gold und Silber fassonierte Bänder verwendet. Dann kommt eine Jacke, meistens von Tuch, ebenso wie das Leibchen verziert, von dunkelblauer oder dunkelgrüner Farbe, mit engen Ärmeln, welchezugeknöpft werden, und die unten überschlägt und zugesteckt wird. Das Halstuch, zum Putz ein seidenes mit farbiger Kante und bunter Stickerei, gewöhnlich ein rothes, wird in den verschiedenen Gemeinden verschieden getragen; meistens wird es hinten eingesteckt, so daß der Besatz der Jacke zu sehen ist; in Schlagsdorf dagegen hängt es über die Jacke. Hier trägt man noch vor der Brust einen Brustlatz von steifer Leinewand mit Seide überzogen und oben mit Band besetzt (Bostdok, Brüschen), der sich jedoch in den meisten übrigen Gegenden nicht findet. Mehrere Röcke von brauner Farbe, wenn es eigengemachte sind, oder von blauer, wenn man Tuch angewendet, seltener von dunkelgrüner, werden übereinander getragen; alle sind unten mit Band besetzt. Früher waren sie hinten und an den Seiten in enge, steife Falten gelegt, jetzt verschwindet diese Form mehr und mehr. Weiße, wollene Strümpfe und Schuhe mit hohen, spitzen Absätzen und Schnallen, meistens mit großen silbernen, werden stets, auch im heißen Sommer, getragen; barfuß geht niemand. Das Haar wird in einigen Gemeinden von der Stirne zurückgestrichen, in anderen gescheitelt getragen, auf dem Kopfe in einem Neste zusammengewunden und durch ein künstlich geschnitztes Stäbchen (Nestnadel) gehalten. Die Mütze (Hüll) ist in dem größten Theil des Landes eine runde (dreistückige), gemeiniglich mit Band, zum Putz mit Gold- und Silbertressen auf den Nähten besetzt, in vielen Dörfern aber und namentlich in der ganzen Schlagsdorfer Gemeinde wird eine Spundmütze getragen, welche nur aus zwei Stücken besteht, hinten wegsteht, und von ihr hängt langes, rothes Band in einer Schleife herunter; mit rothem Bande wird überall , die Mütze unter dem Kinn zugebunden. Die Spitze (Strich) vor ihr ist nirgends sehr breit und wird bald aufstehend, bald am Kopfe anliegend gefunden. Der Hut ist aus dünnen, weidenen Spänen, zum Bande geflochten (Flechtels), zusammengenäht, nicht überall von gleicher Form, doch immer vom Kopf abstehend, mit Cattun gefüttert, fast überall mit blauem Bande besteckt, nur in einigen Dörfern stets mit schwarzem; er gehört aber nie zum Putze. Die Schürze ist überall blau, entweder von gedruckter Leinewand oder von baumwollenem Zeuge; eine Schärpe von breitem blauen oder grünem seidenen oder Hamburger Band, vorne zu einer großen Schleife gebunden, bedeckt das Band derselben. Ein Halsband (Krallenband), bald von Glasperlen, bald von buntem Sammtband, mit einer rothen Schleife befestigt, und silberne Ohrringe vollenden den Anzug, der in jedem seiner Theile das Gepräge des Wohlstands und der Tüchtigkeit trägt und dabei höchst decent und sehr kleidsam ist.

Diese Kleidung der Unverheiratheten bleibt auch nach der Verheirathung dieselbe, nur mit dem Unterschiede, daß dabei schwarz die vorherrschende Farbe wird: statt der bunten Mütze wird .eine schwarze getragen, statt der rothen Bänder kommen schwarze, und Tuch und Schürze ist, zumal beim Anzug in der Kirche, weiß, ersteres mit Spitzen besetzt. Bei Trauer oder bei der Communion und am Charfreitag und Bußtag erscheinen auch die Mädchen im schwarzen und weißen Anzug. Im Winter tragen ältere Frauen in einigen Gegenden beim Ausgehen eine große schwarze Tuchkappe (Kapp), welche zugleich Hals und Schultern bedeckt, auch wohl Klapphandschuhe ohne Finger, unten dreieckig geschnitten und mit Pelzwerk besetzt, jedoch beides verschwindet mehr und mehr aus dem Gebrauche. Eine nur in der Selmsdorfer Gemeinde sich findende Eigentümlichkeit ist, daß die nächsten weiblichen Anverwandten bei Leichenbegleitungen ein großes weißes Tuch über die Mütze gesteckt tragen.“

 Der Silberschmuck bei den reicheren Bäuerinnen wurde später durch Goldschmuck ersetzt.

Später herrschten schwarze Röcke vor, blaue Schürzen werden durch geblümte oder schwarze Seide oder Atlas ersetzt.

Das Brusttuch, ist später aus schwarzer Halbseide (Wullsied, da reine Seide unter dem Gewicht der reich bestickten Musterkanten, zudem noch dicht mit Pailletten (Flitter) besetzt,  reißen würde. Daher wird das Brusttuch dann auch in den Ausschnitt des Mieders bzw. der Jacke gesteckt, da es überhängend keinen Halt mehr hat.

 „Dreistückt Mütz“: für die unverheirateten Mädchen aus Gold- oder Silberbrokatband, für die Frauen aus schwarzem Samt. Der „Strich“ über der Stirn zurückgeschlagen, zeigt den Haaransatz und die großen Ohrgehänge, spöttisch als „Kauhklaben“ bezeichnet. Bunte Seidenbänder unter dem Kinn zu Schleife gebunden oder an den Seiten frei herunterhängend.  Uber der Haube saß der Strohhut in Schutenform, dessen Rand mit „Flechtels“, aus Stroh geflochtenen Zierkanten, besetzt war. Über seinen Kopfteil war breites, buntes Seidenband gelegt, dessen Enden frei herunterhingen.

Trachtenzubehör sind flache, reich gestickte Taschen, die unter der Schürze getragen wurden. Die Abendmahlstücher sind aus weißem Batist mit zarter Weißstickerei; sie wurden über die Brusttücher gelegt.

(Quelle: Mecklenburgisches Folklorezentrum der drei Nordbezirke (Hrs.): Mecklenburgische Volkstrachten, 2. Auflage Rostock 1986)


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