Fritz Reuter vertellt

Mein Name ist Fritz Reuter.
In Mecklenburg bin ich 1810 geboren und aufgewachsen - dor bün ick buren un tagen. Mein Vater war der Bürgermeister Reuter in Stavenhagen.
Weil ich mich für Demokratie eingesetzt habe, wurde ich zu 30 Jahren Festungshaft verurteilt. Sieben Jahre davon habe ich absitzen müssen. Es war eine schlimme Zeit. Und dann wurde ich ein Schriftsteller. Meine plattdeutschen Geschichten haben so viele Leute begeistert, wie ich es nie zu wünschen gewagt hätte. Meine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt: Englisch, Russisch, Italienisch, Schwedisch, Niederländisch, sogar Esperanto.

Na, soll ich Euch  mal was vorlesen? In Plattdeutsch?
 

As't Sommer würd, un Frühjohr was, dunn drewen s' ehr Gössel in't gräune Gras, dunn sprungen de Gören ut Stuben un Dören un danzten herümmer in Sünnenschin...
 

Sprecher: Andreas Auer
Marionettenbau und -spiel: Das Atelier Martina Kriedel
Kamera, Schnitt und Ton: Florian Kunde
Idee und Konzept: Martina Kriedel und Anna-Konstanze Schröder
Fachliche Beratung: Cornelia Nenz


Der Text, den unser Fritz Reuter hier vorliest, ist der Anfang von seinem Buch "Hanne Nüte un de lütte Pudel". In dieser Verserzählung geht der Schmiedegeselle Johann Snut auf Wanderschaft und seine Freundin Sophie, die wegen ihrer Locken Pudel genannt wird, bleibt als Bäckergehilfin zurück. Wie beide am Ende doch noch zusammenkommen, davon erzählt Fritz Reuter. Er bezieht dabei Sagen und Zunftbräuche mit ein. Das Werk ist seit seiner Entstehung 1860 sehr beliebt. (Quelle: Cornelia Nenz, "... ich bin das geworden, was ich immer sehnlichst gewünscht habe...", Hinstorff 2001, 60.)

Den vorgelesenen Textausschnitt und seine hochdeutsche Übersetzung finden Sie weiter unten. Oder Sie laden sich den Text als PDF-Dokument herunter: Hanne Nüte un de lütte Pudel, erste Verse, zweisprachig.

Wir laden alle ein, nach dem Zuhören der ersten Verse einfach selbst weiter zu lesen. Den Text gibt es kostenfrei beim Projekt Gutenberg. Preiswerte Ausgaben gibt es antiquarisch, auch Nachdrucke sind im Buchhandel erhältlich. Außerdem sollte das Werk in gut sortierten Büchereien in Mecklenburg-Vorpommern zu finden sein.


Probleme mit der Wiedergabe des Films?
Vielleicht funktioniert es besser auf Youtube: Fritz Reuter vertellt "Hanne Nüte un de lütte Pudel"

 

Hanne Nüte un de lütte Pudel, erste Verse

As't Sommer würd, un Frühjohr was,
Dunn drewen s' ehr Gössel in't gräune Gras,
Dunn sprungen de Gören
Ut Stuben un Dören
Un danzten herümmer in Sünnenschin,
Un't Freuen un't Lachen hadd gor kein En'n,
Un sprungen vör Lust un klappten de Hän'n:

»Kik, Fiken, kik, Pudel! des' säben sünd min.
Kik, Fiken, kik, Pudel! dit's uns' oll grag' Gant,
Un wohrt man jug' Gäus', hei's betsch, de oll Rekel;
Un hollt jug man linksch, un hollt jug tau Hand! –
Süh, nu geit't all los. – Entfahmtige Ekel!« –
Un sei stahn nu un slahn
Mit de barkenen Strük:
»Willst, Racker, woll glik!
Wat heww'n Di uns' Gäus' un uns' Gösseling dahn?« –

So häuden sei runner nah gräune Wisch,
Wo de Frühjohrsdag
Hell dräwer lag
As en reines Laken up Gottes Disch.
De Disch steiht äwerst man noch arm;
Dor 's nicks von Sommerkost tau sein;
De Blaumen wagen knapp dat Bläun,
Un lockt de Sünn ok hell un warm,
Sei trugen All den Freden nich,
Versteken un verkrupen sich.

Dat hartlichst Tüg, dat Winterkurn,
Dat spitzt verdeuwelt fin de Uhr'n
Un horkt herute in de Welt,
Ob Rip ok woll un Snei noch föllt;
Dat Blatt, dat kümmt irst ganz bescheiden
Un kickt sik nah den Nachtfrost üm:
»Büst, Racker, hir noch wo herüm?
Irst gah din Weg', nahst will 'k mi breiden.«

Blag Oeschen dukt unner den Wepeldurn,
As wullt irst lur'n,
Ob't sik ok schickt,
Dat't fröhlich in de Welt rin kickt;
De Botterblaum, deip in de Bläder
Mit ehren Sünnenangesicht,
Kickt nah de Sünn, as wull sei fragen:
»Na, Swester, segg, kann ik't woll wagen?
Un krieg' w' nahgradens beter Weder?«

Un rechtsch un linksch un hin'n un vören,
Dor spaddelt dat Allens von Gören und Gören.
De springen un wöltern in't gräune Gras;
Dat ein, dat liggt langs, un dat anner verdwas;
Kein Mütz un kein Büx,
Kein Strümp un kein Stäwel,
Kein Rock un kein Nix,
Blot Beinen un Knäwel;
So spaddelt dat rümmer in'n Sünnenschin. –
Kann't jichtens up Irden woll beter sin? –

 

Arbeitsübersetzung ins Hochdeutsche

Als es Sommer wurde und Frühjahr war,
Da trieben sie ihre Gänse zum grünen Gras,
Da sprangen die Kinder
Aus Stuben und Türen
Und tanzten herum im Sonnenschein,
Und das Freuen und das Lachen hatte gar kein Ende,
und sprangen vor Lust und klatschten in die Hände:

„Guck, Fieken (Sophie), guck Pudel (Krauskopf), diese sieben sind meine!
Guck, Fieken, guck Pudel, das ist unser alter grauer Ganter,
und wahrt (hütet nur) eure Gänse, er ist bissig, der alte Racker;
Und haltet euch besser links und haltet euch an der Hand!- 
Sieh, nun geht es schon los. - infamer Ekel!“ -
Und sie stehen nun und schlagen
mit den Sträuchern aus Birkenholz:
„Willst Du, Racker, wohl gleich!
Was haben Dir unsere Gänse und Gössel getan?“-

So hüten sie runter zur grünen Wiese,
Wo der Frühjahrstag
Hell darüber lag
Wie ein reines Laken auf Gottes Tisch.
Der Tisch ist aber noch ärmlich gedeckt,
Da ist nichts von der Sommerkost zu sehen;
Die Blumen wagen kaum das Blühen,
Und lockt die Sonne auch hell und warm,
Sie trauen all dem Frieden nicht,
Verstecken und verkriechen sich.

Das herzlichste Zeug, das Winterkorn,
Das spitzt verteufelt fein die Ohren
Und horcht heraus nun in die Welt,
Ob Reif auch wohl und Schnee noch fällt;
Das Blatt, das kommt erst ganz bescheiden,
Und guckt sich nach dem Nachtfrost um:
„Bist, Racker (= frecher Bursche), hier noch irgendwo?
Erst geh deiner Wege, danach will ich mich ausbreiten.“

Blaue Leberblümchen ducken sich unter dem Rosendorn,
Als wollten sie erst lauern,
Ob es sich auch schickt,
Dass es fröhlich in die Welt hineinguckt.
Die Butterblume (Löwenzahn), tief in den Blättern
Mit ihrem Sonnengesicht,
Schaut nach der Sonne, als wollte sie fragen:
„Na, Schwester, sag, kann ich es wohl wagen?
Und bekommen wir als nächstes besseres Wetter?“

Und rechts und links und hinten und vorn,
Da zappelt das alles von Kindern und Kindern,
Die springen und wälzen sich im grünen Gras.
Das eine, das liegt längs, und das andere verquer,
Keine Mütze, keine Hose,
Keine Strümpfe und keine Stiefel,
Kein Rock und kein Garnichts,
Bloß Beine und Finger (Hände);
So zappelt es herum in dem Sonnenschein. -
Kann es irgendwo auf Erden wohl besser sein? -

Übertragung ins Hochdeutsche: Andreas Auer und Anna-Konstanze Schröder

 


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